Verbraucherinsolvenz in England


Finanzielle Schwierigkeiten können jeden treffen und manches Mal ist es trotz aller Bemühungen und bester Absichten nicht möglich, diese ohne fremde Hilfe in den Griff zu bekommen.

Für viele Verbraucher ist der Weg zum Insolvenzgericht die einzige Lösung.

In Deutschland dauert es i.d.R. sechs Jahre, bis ein Verbraucherinsolvenzverfahren abgewickelt ist und die Rechtschuldbefreiung erteilt wird.

Im EU- Ausland, wie z.B. in England oder Irland, wird die Rechtschuldbefreiung automatisch nach nur einem Jahr erteilt.

Für viele stellt sich daher die Frage, ob ein Verbraucherinsolvenzverfahren in England oder in Irland für sie persönlich in Frage kommt?

Oft bietet der Umzug ins Ausland neue und unerwartete Möglichkeiten sowie berufliche Perspektiven. Daher kann eine solche Entscheidung auch Vorteile bergen, die nicht unmittelbar mit der Rechtschuldbefreiung zu tun haben.

Insoweit müssen allerdings die individuellen persönlichen, beruflichen sowie familiären Umstände der Betroffenen vorab gründlich geprüft werden.

Es muss geklärt sein, ob die Voraussetzungen für ein Verbraucherinsolvenzverfahren im EU-Ausland vorliegen.

Der Weg ins Ausland darf nicht als Insolvenztourismus verstanden werden. Er sollte auch nicht diesen Eindruck erwecken. Ein Umzug ins EU-Ausland ist ein ernsthafter Schritt und sollte vorher wohl überlegt sein. Es ist nämlich unbedingt erforderlich, dass der Lebensmittelpunkt tatsächlich, dauerhaft und nachweislich in das jeweils andere EU-Land verlegt wurde.

Seit April 2016 ist in England eine gesetzliche Regelung mit dem Ziel einer Unterbindung missbräuchlicher Inanspruchnahme (Stichwort „Insolvenztourismus“) in Kraftgetreten, die grundlegende Auswirkungen für diejenigen deutschen Staatsbürger hat, die ein EU-Verbraucherinsolvenzverfahren in England in Betracht ziehen.

Anders als bisher, werden Verbraucherinsolvenzanträge in England nicht mehr bei Gericht gestellt, sondern online direkt bei der englischen Insolvenzbehörde (dem Insolvency Service).

Völlig neu ist auch die detaillierte Prüfung aller Angaben vor Genehmigung des Verbraucherinsolvenzantrages. Rückfragen per Email, die in englischer Sprache erfolgen, werden von der Insolvenzbehörde während der Prüfungsfrist von 28 Tagen gestellt.

Falsche bzw. nicht vollständige oder unklare Rückantworten führen meist zu einer Ablehnung des Verbraucherinsolvenzantrages.

Selbst nach Genehmigung des englischen Verbraucherinsolvenzantrages durch die Behörde und die Erteilung der Restschuldbefreiung, die weiterhin nach 12 Monaten erfolgt, kann im Falle falscher Angaben des Insolvenzantragstellers vom englischen Gericht die Erteilung der Restschuldbefreiung auch Jahre danach rückgängig gemacht werden. 

Selbständige können im Zuge der Reform Verbraucherinsolvenzanträge erst nach drei Monaten im Land stellen. Bei Angestellten beträgt die Frist sechs Monate.

Im Internet kursieren seit Jahren Angebote von meist unseriösen Unternehmensberatern, die das EU-Verbraucherinsolvenzverfahren zu Pauschalpreisen, ohne jegliche Schwierigkeiten und manchmal sogar mit einer Erfolgsgarantie anbieten. Solche Anbieter sind mittlerweile den ausländischen Insolvenzbehörden sowie den Gerichten bekannt. Deren Kunden dürfen daher mit einer besonders strengen Prüfung Ihrer Angaben und Aufenthaltsorte rechnen.

Die Zeiten des geduldeten Insolvenztourismus sind definitiv vorbei.

Treten Probleme auf, sind unseriöse Internetanbieter nicht beim zuständigen englischen Gericht zugelassen und folglich auch nicht in der Lage, den Insolvenzantragsteller dort zu vertreten. Meistens haben die Verbraucher in dieser Situation keine andere Wahl, als einen in England oder Irland zugelassenen Anwalt (Solicitor) zu beauftragen, was mit enormen Kosten einhergeht. Ob die Probleme damit geheilt werden können, bleibt i. ü. fraglich.

Um einen englischen oder irischen Verbraucherinsolvenzantrag bestens vorzubereiten, müssen die jeweiligen Umstände des Antragstellers gesondert vorab geprüft und die geeignetste Vorgehensweise abgestimmt werden.

Selbst nach der Gesetzesreform 2016 in England gilt:

• Die Restschuldbefreiung wird erteilt nach zwölf Monaten;

• Die Verfahrenskosten sowie der Verfahrensablauf sind vergleichbar vorteilhaft;

• Die grenzüberschreitende Wirkung der Restschuldbefreiung besteht fort;

• Das Recht eines EU-Bürgers, einen Insolvenzantrag in einem anderen EU-Land zu stellen, in dem er den „Mittelpunkt seiner hauptsächlichen Interessen“ („Centre of Main Interests“ oder „COMI“) hat, bleibt unberührt und legal.

Insolvenzgläubiger verfügen nach wie vor und auch noch nach Jahren über rechtliche Möglichkeiten, in England und Deutschland gegen einen Missbrauch der EU-Vorschriften vorzugehen und tun dies auch oft.

Die unverbindliche Kontaktaufnahme mit einem englischen Anwalt (Solicitor), der auf diesem Gebiet über entsprechende Erfahrung verfügt und seriös berät, ist unabdingbar.